Gründungsaufruf

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Mit nachfolgendem Text wurde seit einem Vorbereitungstreffen im April 2017 (in sich weiterentwickelnden Versionen) zur Gründung einer Akademie für Soziologie aufgerufen. Bis zur Gründung haben über 100 Soziologinnen und Soziologen und einige Sozialwissenschaftlerinnen und Sozialwissenschaftler anderer Fächer den Aufruf unterstützt.

Aufruf zur Gründung einer „Akademie für Soziologie“

Herausforderungen gesellschaftlicher Entwicklung

Weltweit ist eine neue Phase gesellschaftlicher Entwicklungen und Umbrüche zu beobachten, darunter auch Erscheinungen einer unvorhergesehenen Partikularisierung und Spaltung, die man weitgehend für überwunden hielt. Der beschleunigte Wandel zeigt sich in vielen Aspekten: Neue Technologien und Digitalisierung verändern im wachsenden Maße nicht nur die Arbeitswelt, sondern beispielsweise auch die Verkehrssysteme, die Energieversorgung, das Gesundheitswesen, Freizeitverhalten, das Bildungswesen und sowohl Formen wie Inhalte des alltäglichen Zusammenlebens. Gleichzeitig verändern sich die Altersstruktur der Bevölkerung, Muster der Erwerbstätigkeit und familiale Lebensformen rasch und mit umfassenden Konsequenzen, etwa für die Systeme sozialer Sicherung. In vielen Gesellschaften sind die Einkommens- und noch mehr die Vermögensungleichheit gewachsen. Über Globalisierung und internationale Verflechtungen werden grenzüberschreitende Migration, transnationale Beziehungen und kulturelle Heterogenität zum Normalfall und lösen zugleich Gegenbewegungen aus, die sich z.B. in Form populistischer sozialer Bewegungen manifestieren. Kriegerische Konflikte, autokratische Regime und die Unterentwicklung in vielen Teilen der Welt sowie klimatische Veränderungen verstärken Fluchtursachen, was wohlhabende Zielländer der Migration zu verstärkten Integrationsanstrengungen veranlasst, aber auch Abwehrreaktionen und neue Spaltungen hervorruft. All dies erfordert enorme Anpassungsleistungen der gesellschaftlichen Institutionen. Viele Konsequenzen dieses rasanten gesellschaftlichen und technologischen Wandels und der sozialen und demografischen Veränderungen sind heute noch gar nicht absehbar. Wird die zunehmende Globalisierung und Digitalisierung mehr Arbeitsplätze vernichten als neue entstehen lassen, die Spaltung der Gesellschaften vertiefen und eine populistische Politik befördern? Werden die sozialen Medien, von denen man annahm, dass sie neue Formen partizipativer Demokratie ermöglichen, nicht ganz im Gegenteil die Demokratien wesentlich schwächen? Werden neue Technologien, Wohlstandsgewinne, Bildung und medizinischer Fortschritt Ungleichheiten verstärken oder die Lebensqualität einer wachsenden Zahl von Menschen verbessern? Gesellschaftliche, politische und technologische Veränderungen hatten schon immer unbeabsichtigte Nebenwirkungen und zu den Konsequenzen solcher Prozesse gibt es oft mehr Fragen als Antworten.

Ziele der Akademie

Viele Bereiche von Öffentlichkeit, Politik und Wissenschaft sind mit den genannten Entwicklungen befasst und verlangen nach verlässlichen Informationen sowie praktischen Handlungsempfehlungen für die (Neu-)Gestaltung der gesellschaftlichen Institutionen. Naturwissenschaftliche Erkenntnisse und technische Innovationen mehren den Wohlstand eines Landes, aber nicht weniger wichtig sind die Einrichtung und Reform von Institutionen, die Schaffung einer tragfähigen Sozialorganisation und damit letztlich die Ermöglichung sozialer Kooperation und Konfliktbewältigung.

Die soziologische Wissenschaft setzte sich immer schon zum Ziel, wohl bedachte und gut begründete Antworten auf die drängenden Fragen nach den Konsequenzen technologischen Wandels und gesellschaftlicher Umbrüche zu erlangen und dies mit Hilfe aus Theorien abgeleiteten Hypothesen, systematisch erhobenen Daten und der jeweiligen Problemstellung angemessenen empirischen Methoden. Die Soziologie ist eine Realwissenschaft mit dem obersten Grundsatz, deskriptive Aussagen, Hypothesen und Ergebnisse – auch die aus eigener Forschung – einer sorgfältigen Prüfung zu unterziehen und methodische Annahmen offenzulegen sowie selbstkritisch zu reflektieren, wenn Antworten nicht eindeutig oder (noch) unbekannt sind. In der Grundlagenforschung entwickelt soziologische Wissenschaft seit jeher in Kooperation mit ihren Nachbardisziplinen Theorien und Hypothesen über soziales Handeln und soziale Institutionen, setzt sie aber auch in praktische Anwendungen um und nimmt dazu gezielte Wirkungsanalysen vor. Denn Gesellschaft und Politik sind angesichts des meist hohen Aufwandes und der Gefahr von unerwünschten Nebenfolgen darauf angewiesen, dass die Beschreibungen zutreffen, die Erklärungen valide sind und es die erhofften Effekte – im Rahmen dessen wie es sich immer nur abschätzen lässt – auch tatsächlich geben wird.

Die Mitglieder der Akademie für Soziologie wollen in diesem Sinne dazu beitragen, ein genaueres und verlässlicheres Verständnis der Prozesse sozialen Wandels zu erlangen und theoretisch präzisiertes und überprüftes Erfahrungswissen zu gesellschaftlichen Vorgängen zu gewinnen. In einer Zeit, in der populistische Bewegungen und Vorstellungen einer nur „konstruierten“ Wirklichkeit und „alternativer Fakten“ an Boden gewinnen, ist es umso notwendiger, in der Tradition der wissenschaftlichen Aufklärung nach faktenbasierten, prüfbaren und dann auch praktisch verwertbaren Erkenntnissen zu streben.

Grundlage sind systematische wissenschaftliche Methoden

In der Soziologie und anderen sozialwissenschaftlichen Disziplinen wurden von Beginn an Methoden kontrollierter Datenerhebung und -analyse entwickelt und fortwährend verbessert. Die Soziologie verfügt heute über ein großes Inventar moderner Erhebungs- und Analysemethoden. Fortschritte wurden beispielsweise im Bereich der systematischen Erhebung von gesellschaftlichen Makroindikatoren, der Surveyforschung, bei der Methodik von Kausalanalysen mit Paneldaten und experimentellen Verfahren erzielt. Auch methodisch kontrollierte, qualitative Fallanalysen gehören mit zum entwickelten Repertoire soziologischer Analyse. Für die Analyse großer Mengen digitaler Daten und Texte („big data“), die Untersuchung räumlicher Daten in so genannten Geo-Informationssystemen, und im Rahmen der formalen Analyse und Modellbildung etwa zur Untersuchung sozialer Netzwerke oder von sozialen Interaktionen (Simulationsmodelle, verhaltensorientierte Spieltheorie) wurden neue Methoden entwickelt oder vorliegende Techniken verfeinert. Die Digitalisierung bringt gewaltige Datenmengen hervor. Für ihre adäquate Auswertung braucht man neue Verfahren und Informatikwissen, aber auch wachsende Sensibilität zu forschungsethischen und datenschutzrechtlich relevanten Fragen. Die digitalen Technologien haben in nur wenigen Jahren die Welt verändert, und so auch die Anforderungen der Sozialforschung. Sie schaffen ein ungeheures Potential neuer Möglichkeiten für die Entwicklung und Prüfung soziologischer Theorien und Hypothesen.

Forderungen der Akademie an die soziologische Forschung und Lehre

Angesichts der skizzierten und zu klärenden gesellschaftlichen Fragen und den neuen Analysepotentialen bedarf die wissenschaftliche, an methodischen Standards ausgerichtete Soziologie einer besonderen Förderung und Stärkung. In der Forschung betrifft dies theoriegeleitete Primärforschung genauso wie aufwendige Sekundäranalysen, etwa mit dem Sozio-oekonomischen Panel (SOEP), dem Nationalen Bildungspanel (NEPS) oder dem European Social Survey (ESS). Es betrifft die Erhebung und Auswertung von Mikrodaten ebenso wie die von Makroindikatoren, die Erhebung und Auswertung von quantitativen ebenso wie von qualitativen Daten. In der Lehre müssen in den Curricula verstärkt Kenntnisse systematischer und stringenter Theoriekonstruktion, moderner empirischer Methoden und grundlegender wissenschaftstheoretischer Kriterien berücksichtigt werden. Schließlich sollte die Soziologie mehr auf Interdisziplinarität und Kontakte zu den Nachbarwissenschaften wie beispielsweise der (empirischen) Politikwissenschaft, (Sozial-)- und Persönlichkeitspsychologie, der Ökonomik und Anthropologie setzen oder auch neueren Entwicklungen außerhalb ihres engeren Arbeitsbereichs Aufmerksamkeit widmen, etwa den Neurowissenschaften, der Informatik, der Verhaltensbiologie oder der Wissenschaftstheorie.

Methodische Exaktheit, empirische Überprüfung von deskriptiven Aussagen, Hypothesen und Theorien sowie die Weiterentwicklung bestehenden Wissens durch Replikationen sind Voraussetzung von Wissenschaften, die sich zum Ziel setzen, kumulative Erkenntnisse zu generieren. Ausgehend von diesem Standpunkt setzen sich die Akademie für Soziologie und ihre Mitglieder für eine wissenschaftliche, an klaren methodischen Standards ausgerichtete Soziologie ein. Dazu zählen:

  • Soziologische Forschung basiert auf klar und präzise formulierten Theorien. Dabei ist es von der Forschungsfrage abhängig, ob sich diese Theorien auf die gesellschaftliche Makroebene, die Mesoebene sozialer Institutionen oder die Individual- bzw. Haushaltsebene beziehen.
  • Soziologische Forschung basiert auf der Anwendung kontrollierter empirischer Methoden, mit denen die theoretischen Aussagen mit der sozialen Realität konfrontiert werden. „Kontrolliert“ sind alle Methoden, die vom Forschenden gezielt eingesetzt werden und intersubjektiv nachvollziehbar sind. Dabei ist es unerheblich, ob diese Methoden standardisiert („quantitativ“) oder nicht-standardisiert („qualitativ“) sind.
  • Die vermehrte Durchführung und Förderung von Replikationen ist nicht nur wünschenswert sondern notwendig. Der gesamte Forschungsprozess sollte zudem klar und transparent dargestellt werden und für Replikationen zugänglich sein, was die (Langzeit-)Archivierung von Forschungsdaten zur Voraussetzung hat.
  • Die Förderung der Weiterentwicklung moderner Datenerhebungs- und Auswertungsmethoden, wie beispielsweise experimentelle Designs, Interventionsstudien, moderne statistische Methoden zur Analyse kausaler Effekte, u. a. durch Nutzung der großen Potentiale von Längsschnitt- und international vergleichenden Surveystudien . Hierzu gehört auch die Fruchtbarmachung der Digitalisierung sowohl bei Datenerhebungen (mittels Sensoren, Online-Surveys etc.) als auch bei der Verknüpfung und der Auswertung digitalisierter, prozessproduzierter Daten und Texten mit Techniken der Informatik. Gerade auch für die eher qualitativ ausgerichteten Methoden der Textanalyse gilt es die neueren Entwicklungen in der Computerlinguistik wahrzunehmen und auf ihre Verwendbarkeit für soziologische Fragen zu prüfen.
  • Eine stärkere Zusammenarbeit mit Nachbardisziplinen
  • Die Verbesserung von Grundlagenforschung, aber auch die Nutzung des Erkenntnispotentials der Soziologie, der Ausbau und die Verstetigung qualitätsgeprüfter Forschungsdateninfrastruktur und einer kontrollierten Wirkungsforschung für die evidenzbasierte Politikberatung.
  • Die Verbesserung von Aus- und Weiterbildung, insbesondere im Bereich der Theorieentwicklung, Modellbildung und Forschungsmethodik.

Mitglieder und Aufgaben der Akademie

Die Akademie wendet sich an alle Soziologinnen und Soziologen, die sich in Forschung und Lehre engagieren, und steht allen soziologischen Fragestellungen, Ausrichtungen, Arbeitsweisen und Schwerpunktsetzungen offen, sofern die grundlegenden Ziele unterstützt werden. Sie führt Kongresse und Arbeitstagungen durch, die sich hohe wissenschaftliche Standards setzen und engagiert sich auch durch die Präsenz und aktive Mitwirkung bei entsprechenden internationalen Fachtagungen. Ihre Mitglieder streben an, ihre Forschungsergebnisse in international und national renommierten Fachzeitschriften und in Büchern bei Verlagen, die eine Qualitätskontrolle garantieren, zu veröffentlichen. Sie bemühen sich, die Qualität der Lehre beständig zu verbessern und die Inhalte den jeweiligen Entwicklungen fortwährend anzupassen. Die Akademie wird insbesondere auch mit den Wissenschaftsorganisationen, namentlich mit der Deutschen Forschungsgemeinschaft zusammenarbeiten. Sie wird den Austausch in der soziologischen Wissenschaft fördern, die Ausbildung und Vernetzung des wissenschaftlichen Nachwuchses voranbringen (z. B. durch Konzepte für Graduiertenschulen; best paper awards), Empfehlungen für die Lehre und Weiterbildung aussprechen, Interesse am Fach bei Studieninteressierten wecken (z. B. durch die Wiederaufnahme im „CHE-Ranking“), auf eine evidenzbasierte Politikberatung hinarbeiten (z. B. durch kontrollierte Wirkungsforschung), den Austausch mit der außeruniversitären wissenschaftlichen Forschung (z. B. MPIs, Leibniz-Instituten, IAB, DJI) besser etablieren sowie die Vernetzung mit der internationalen Fachgemeinschaft verstärken. Die Akademie ist überdies bestrebt, Ergebnisse soziologischer Wissenschaft der Öffentlichkeit transparent und verständlich zugänglich zu machen.

Den Gründungsaufruf haben bis zur Gründungssitzung im Juli 2017 mehr als 100 namhafte Soziologinnen und Soziologen und einige Sozialwissenschaftlerinnen und Sozialwissenschaftler aus benachbarten Disziplinen unterzeichnet.