Standpunkt

In dieser Rubrik weisen wir auf ausgewählte öffentliche Stellungnahmen von Sozialwissenschaftler/inne/n und auf Berichte über aktuelle Fragen der analytisch-empirischen Soziologie hin, die in unterschiedlichen Medienformaten erschienen sind.

Max Weber zum 100. Todestag

"Die Wissenschaft kann uns sagen, was bei der Verbindung verschiedener Elemente oder der komparativen Analyse diverser Texte herauskommt. Aber sie kann uns nicht sagen, warum diese Dinge es wert sind, sie zu wissen. Als Soziologe ging Weber den Ursprüngen und Merkmalen sozialer Phänomene auf den Grund. Darüber hinaus trieb er sein berufliches Schaffen aber nicht weiter. (...) Vollzeitakademiker seien überhaupt schlechte Anführer. Sie könnten allenfalls die Werkzeuge für eine Analyse bereitstellen und ihren Studenten helfen, ihre Pflichten und Aufgaben besser zu erfassen. Aber »der Prophet«, so Weber, »nach dem sich so viele in unserer jüngsten Generation sehnen, ist eben nicht da«. Denn kein Wissenschaftler könne den Menschen erklären, wie sie zu leben hätten, ihnen den Sinn ihres Daseins begründen oder das Land anführen."

Der franz. Historiker Robert Zaretzky über Webers Haltung zur Politik auf spektrum.de, hier zu lesen.
(Bild: Wikipedia).

Corona-Exit

Soziale Normen sind selbststabilisierend, wenn sie im Eigeninteresse befolgt werden. Im Straßenverkehr hält man sich an das Rechtsfahrgebot; eine Bußgelddrohung ist bei sozialen Normen, die Verhalten nur koordinieren, eigentlich überflüssig. Genau umgekehrt verhält es sich bei sozialen Normen, die allgemeine Güter schützen. Das sind sogenannte Kooperationsnormen. Ein Rechtsfahrgebot erzwingt sich selbst, ein Parkverbot nicht. Das Dilemma ist: Bei letzterem liegt es im Eigeninteresse, die Norm nicht zu befolgen. Die Politik der sozialen Distanzierung war auch deshalb erfolgreich, weil Abstand halten zwar dem Fremdschutz, aber gleichzeitig auch dem Eigenschutz dient. Beim Maskentragen könnte es schwieriger werden, der Norm zur Geltung zu verhelfen.

Ein Gastbeitrag von Andreas Diekmann (Universität Leipzig & ETH Zürich) in Der Freitag online.

 

Foto: (c) Anna Shvets/Pexels

Soziologie der Pandemie

Vortrag im digitalen Kolloquium "Soziologische Perspektiven auf die Corona-Krise".

Wissenschaftszentrum für Sozialforschung Berlin (WZB), 8.4.2020

In seinem Vortrag gibt der Soziologe  Karl Ulrich Mayer  (MPI für Bildungsforschung Berlin) einen ersten Überblick, welchen Beitrag der analytische Werkzeugkasten der Soziologie zur Bewältigung der Coronakrise leisten kann. Wer in welchem Maße von der Krise betroffen ist, hat viel mit sozialer Ungleichheit zu tun. Sie bestimmt, wie Kontakt- und Ansteckungsrisiken, Zugangschancen zu medizinischer Behandlung und Sterberisiken gesellschaftlich verteilt sind. Ein exaktes Wissen über diese Wirkungen braucht, um zu verhindern, dass die Coronakrise soziale Ungleichheit weiter verschärft.

Sie können den Audio-Beitrag hier hören.

Hier geht es zu allen Beiträgen auf der Website des WZB.

Kampf gegen Pandemien

Wie man in den Sozialwissenschaften weiß, ist es ungemein schwierig, komplexe Systeme durch gezielte Interventionen zu steuern. Ob Finanzkrisen oder Pandemien – es gibt Zeitverzögerungen, Rückwirkungen, vielfache Wechselwirkungen und unbeabsichtigte Nebenfolgen. Noch schwieriger ist die Steuerung, wenn es kein Feedback über die Wirkung von Maßnahmen gibt. Um die Effekte der politischen Entscheidungen zu überprüfen, braucht es derzeit vor allem verlässliche Daten, um die Wirksamkeit der Therapie und die nötige Stärke der Dosis in jeder Phase beurteilen zu können. Liefern könnte diese die empirische Sozialwissenschaft.

Der Soziologe Andreas Diekmann (Universität Leipzig & ETH Zürich) mit Vorschlägen zur Datenerhebung in Der Freitag (13/2020), hier online zu lesen.

Coronakrise & künstliche Intelligenz
Corona-Diagnose per App? 
Kann Künstliche Intelligenz bei der Eindämmung der Pandemie helfen? Der Soziologe & Physiker Dirk Helbing (ETH Zürich) im Interview mit Deutschlandfunk Kultur v. 30.3.2020 über Möglichkeiten der KI-Nutzung z.B. per App und daraus resultierende Vertrauensprobleme bei der Datennutzung.
Sie finden den Beitrag in der DFL_Mediathek hier.
Bild: (c) Jannick Timm
Solidarität in der Coronakrise

Solidarität bedeutet oft, dass wir den sozialen Austausch zum Wohle Schwächerer verstärken. Die gegenwärtige "social distancing" Politik begrenzt aber den sozialen Austausch, um die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen und damit abzuschwächen. Denn je weniger wir uns sozial austauschen, desto schwerer hat es das Virus sich zu vermehren. Dies bringt die Gesellschaft in die paradoxe Situation, einander gerade nicht durch direkten Zusammenschluss helfen zu können. Besonders radikal bricht die Ausgangssperre mit unserer Gewohnheit, einander in der Not beizustehen.
In seinem Essay macht Holger Lengfeld (Universität Leipzig) Anregungen, die mittelfristig helfen könnten, gezielten, begrenzten sozialen Austausch bewusst zu fördern.

Holger Lengfeld: Solidarität in der Krise: Wie die negativen Folgen der Kollektiv-Quarantäne gedämpft werden können. Tagesspiegel online v.21.03.2020

Corona pandemic & missing data reliability

The current coronavirus disease, Covid-19, has been called a once-in-a-century pandemic. In his article, John P.A. Ioannidis argues that is might be also be a once-in-a-century evidence fiasco. "At a time when everyone needs better information, from disease modelers and governments to people quarantined or just social distancing, we lack reliable evidence on how many people have been infected with SARS-CoV-2 or who continue to become infected. Better information is needed to guide decisions and actions of monumental significance and to monitor their impact. Draconian countermeasures have been adopted in many countries. If the pandemic dissipates — either on its own or because of these

measures — short-term extreme social distancing and lockdowns may be bearable. How long, though, should measures like these be continued if the pandemic churns across the globe unabated? How can policymakers tell if they are doing more good than harm?"

John P.A. Ioannidis: A fiasco in the making? As the coronavirus pandemic takes hold, we are making decisions without reliable data in: https://www.statnews.com, March 17, 2020. See article here.

Weiterlesen

Sociological Divide in the US

The long-standing divide between sociology as an activist discipline vs. sociology as a science is examined in light of the current trend for US sociology focus on a limited set of justice issues resulting from inequalities and discrimination against certain categories of persons. Increasingly, this trend is pushing sociology toward become an activist discipline and, as a result, an ideologically-oriented discipline in its teaching and research activities. The outcome of this trend is the growing marginalization of those committed to sociology as a science in departments and academic meetings, resulting in demoralization of sociology’s scientists and their escalating concern over their fate in a discipline increasingly mimicking a social movement organization. Even more damaging to sociology will be a loss of respect inside academia and a loss of relevance among publics not sharing American sociology’s political biases.

Jonathan Turner (2019): The More American Sociology Seeks to Become a Politically-Relevant Discipline, the More Irrelevant it Becomes to Solving Societal Problems. The American Sociologist 50: 456–487. (gated paper)

Konflikte um Werte: Übergriffe auf Lokalpolitiker

Die Gewalt gegen Bürgermeister hat 2019 zugenommen. Holger Lengfeld (Universität Leipzig) über zunehmende Wertkonflikte, die gesellschaftliche Toleranzschwelle und die Stabilität demokratischer Institutionen - im Interview mit taz.de v. 31.12.2019. Lesen Sie das Interview hier.

Ein neuer Positivismusstreit in der Soziologie?

Artikel von Gerald Wagner in der F.A.Z aus Januar 2019 über Hintergründe und Deutungen zur Gründung der Akademie für Soziologie sowie Reaktionen darauf aus der soziologischen Community. Lesen Sie den Artikel online hier.

Wie politisch darf Wissenschaft sein?

Der Sozialwissenschaftler Jürgen Kocka, ehemaliger Präsident des Wissenschaftszentrums für Sozialforschung Berlin (WZB) sagt: „Die Formulierung politischer Ziele ist die Sache demokratischer Politik. Wissenschaft hat dazu keine Legitimation“. Daher sollten Sozialwissenschafter/innen politische Aussagen bei öffentlichen Stellungnahmen vermeiden.

Sie finden seinen Namensbeitrag im „Tagesspiegel“ v. 02.10.2019.

Ostdeutsche Landtagswahlen: Warum wählt man AfD? 

Die ZDF-Comedy Sendung “Heute-Show” zu Gast an der Universität Leipzig: Soziologe Holger Lengfeld mit Fabian Köster und Lutz van der Horst im nicht immer ganz ernst gemeinten Interview über die Motive von Wählerinnen und Wählern der AfD.

Sie finden das Video hier.